Studieren in der Krise

Studienfinanzierung Mesut erzählt uns vom Studium in Deutschland und Türkei und von Schwierigkeiten in der Krise.

Hallo Mesut! Es freut uns ein Interview mit Dir zu führen. Um Dich kurz vorzustellen: Wer bist Du und was machst Du so?

M: Hallo! Dankeschön von meiner Seite aus. Ich bin Mesut und habe in der Türkei mein Bachelorstudium absolviert. Jetzt bin ich in der BRD, um hier im Master zu studieren. Zurzeit studiere ich also Politikwissenschaften an der Marburger Uni.

Wie lange studierst Du schon in Marburg? Wie hat sich die Corona-Krise auf dein Studium ausgewirkt?

In Deutschland bin ich seit drei Jahren. Anfangs habe ich zwei Jahre lang in verschiedenen Städten Sprachkurse besucht. In Marburg bin ich seit dem Wintersemester 2019/20. Vor der Krise und während meines ersten Semesters habe ich neben meinem Vollzeitstudium als Kellner gejobbt. Während dieser Zeit konnte ich neben Studium und Arbeit zumindest soweit es geht Freundschaften schließen und neue Leute kennenlernen. Während Corona haben sich drei Dinge grundsätzlich verändert: Erstens: Im Studium sind wir komplett auf Online-Lehre umgestiegen, woran ich mich immer noch nicht gewöhnen konnte. Vorher hatte ich viel Spaß beim Studieren. Aber jetzt geht es mehr darum, leistungspflichtige Essays zu schreiben oder im Selbststudium Berge an Literatur zu lesen. Im Online-Semester habe ich nicht das Gefühl, mich wirklich weiterbilden und weiterentwickeln zu können. Als wir noch politisch und wissenschaftlich diskutieren konnten oder gemeinsam mit den Professor*innen brainstormten war das ein ganz anderes soziales Miteinander und viel gemeinschaftlicher. So konnte man leidenschaftlich diskutieren. Der Anspruch an universitäre Lehre wurde so deutlich mehr entsprochen als momentan im vereinzelten Selbststudium.

Und zweitens?

Zweitens hat sich natürlich finanziell etwas verändert. Vorher hatte ich ja als Kellner gearbeitet, wo ich pandemiebedingt gekündigt worden bin. Als meine kompletten Einnahmen dadurch zusammenbrachen, musste ich mich umgucken. Vom Studierendenwerk habe ich 200€ aus dem Notfallhilfefonds erhalten. Darüber hinaus meldete ich mich für etwas Nothilfe bei einer Kirche. Mir wurde kommuniziert, dass sie mir nach Ausfüllen der Papiere helfen werden. Leider wurde mir nach dem bürokratischen Vorgang gesagt, dass die Hilfen bei ausländischen Studierenden nur für bestimmte Studierende z.B. in der Abschlussphase sind. Mein Antrag wurde also abgelehnt. Deshalb habe ich einen Studienkredit bei der KfW beantragt, den ich erst einmal zinslos für 9 Monate erhalten kann. Das gibt mir ein wenig mehr Luft – auch wenn es nur ein Kredit ist.

Welche Auswirkungen hatte der „Lockdown“ denn auf dein soziales Leben?

Da hat sich natürlich einiges verändert. Generell im sozialen Miteinander gilt Deutschland ja eher als ein kaltes Land, die Einsamkeit der Leute ist hier groß. Diese Einsamkeit hat sich natürlich verstärkt. Es gibt ja Statistiken darüber, dass sich 10% der Menschen schon vor Corona einsam fühlten – also ganz ohne Lockdown. Aufgewachsen bin ich in der Mittelmeerregion mit vielen sozialen Kontakten und hatte ein großes Umfeld. Ich habe also immer viel Zeit mit anderen Menschen verbracht. Das ist mir auch sehr wichtig im Leben. Einige Freunde und Kommilitonen möchten sich seit der Pandemie überhaupt nicht mehr mit mir treffen – was ich natürlich vollkommen nachvollziehbar ist. Neben den ökonomischen sind die psychischen Folgen natürlich besonders hart. Zum Glück ändert sich das jetzt langsam mit den Lockerungen. Das stimmt mich persönlich positiver.

Du hast angesprochen, dass du deinen Bachelor in der Türkei absolviert hast. Musstest du dort auch neben dem Studium arbeiten? In Deutschland hast Du dein Studium mit einem Job finanziert. Unterscheiden sich die Studienbedingungen stark voneinander?

In der Türkei musste ich während des Bachelorstudiums nicht arbeiten. Natürlich gibt es in dieser Hinsicht auch soziale und kulturelle Unterschiede. In der BRD muss ich natürlich Miete, Krankenversicherungsbeitrag, Studienkosten oder auch soziale Aktivitäten finanzieren. Natürlich gibt’s positive und negative Seiten. Positiv ist, dass das Berufsleben und die Erfahrungen auch ein wenig den eigenen Horizont erweitern. Das Studium bereitet einen auch aufs Berufsleben vor und ersetzt die eigentlich bisher gekannte klassische Betriebsausbildung. Allerdings ist das Studium als Vollzeitstudium konzipiert, was viel Mühe und Zeit benötigt, um auch ein ordentliches Studium mit guten Noten zu durchzuziehen. Daneben noch zu arbeiten und neue Menschen kennenzulernen ist wirklich schwer. Es war letztes Semester bei mir Alltag morgens um 06:30 Uhr aufzustehen, zur Uni zu fahren und erst bei Feierabend gegen 23 oder 0 Uhr nach Hause zu kommen. Danach spürst Du körperlich und geistig nichts mehr. Manchmal kam ich heim und hatte nicht einmal die Kraft, mich noch umzuziehen. Ein solches Studium in der Regelstudienzeit zu absolvieren ist meiner Meinung nach ein großes Werk. In der Türkei habe ich nicht arbeiten müssen und hatte notentechnisch einen 1-er Schnitt. Allerdings habe ich fortschrittliche und geistig fordernde Prüfungsformen wie Hausarbeiten, Gruppenarbeiten, mündliche Prüfungen erst in der BRD kennengelernt. Sowas gibt es in der Türkei nicht. Da habe ich eher viel für Klausuren auswendig lernen müssen, was nicht besonders substanziell weiterbildet. Deshalb schneide ich bei dem anspruchsvolleren Studium und mir nicht vertrauten Prüfungsformen auch nicht sonderlich gut ab.

Warum musstest du in der Türkei nicht arbeiten? Wie hast Du dort dein Studium finanziert?

2010 hatte ich den Bachelor in der Türkei in Bolu angefangen. Das liegt zwischen Ankara und Istanbul – eigentlich ist das eine Kleinstadt. Meine Familie hat mir ca. 500 türksiche Lira geben können. In einer Wohngemeinschaft mit den Cousins, die auch studierten, haben wir uns so ganz gut über die Runden geschlagen. Heute kann das meine Familie nicht mehr stemmen und 500 türkische Lira sind in Deutschland nichts mehr wert. Ohne reichen Familienhintergrund kann man im Ausland auch nicht ohne weiteres einfach studieren.

Bafög ist ja leider für ausländische Studierende, die in der BRD studieren, gar nicht vorgesehen. Deshalb hängt die Finanzierung von den Herkunftsstaaten ab. Wie viel schießt denn die Türkei bei ausländischen Studierenden zu? Und wie viel ist das umgerechnet in Euro?

Für Studierende außerhalb der Türkei greift der türkische Staat unter die Arme. Die Höhe der Hilfen ist abhängig von den Lebenshaltungskosten des Landes, indem man studieren möchte. Gerade liegt der Wechselkurs für 1€ bei ca. 7,5 türkische Lira. Das ist äußerst hoch. Türkische Darlehen geben für die BRD ca. 2500 bis 2700 türkische Lira. Das macht grob gerade Mal 300 bis 350 Euro. Für die Miete reicht das knapp, für mehr natürlich nicht. Deshalb muss man auf jeden Fall arbeiten, um den Lebensunterhalt zu finanzieren. Allerdings ist diese Summe für das Leben in der Türkei sehr, sher gutes Geld – auch in den Metropolen wie Istanbul und Ankara. Besonders für einen Studierenden.

Du hast bereits versucht, viele Notfallhilfen in Anspruch zu nehmen und den KfW-Notfallkredit erhalten. Wie geht es nun für Dich weiter und wie gehst Du damit um?

Natürlich waren die letzten Monate anstrengende und schwierige Zeiten – besonders durch den Jobverlust und den finanziellen Engpässen. Darüber hinaus musste ich ins Studentenwohnheim des Studierendenwerks umziehen. Direkt zu Beginn musste ich die Mietzahlungen unterbrechen. Die muss ich jetzt nachzahlen. Da sehe ich ein wenig schwarz für mich – leider. Wie viel muss ich arbeiten, um im und nach dem Studium das alles zurückzahlen zu können? Bereits während dem Studium on muss ich den KfW Kredit anfangen zurückzuzahlen – zurzeit muss ich auf den Höchstsatz von 650€ zurückgreifen. Da rechnet man schon mal nach, wie viel man verdienen muss, um die monatlichen 650€ für die Tilgung des Kredits zurückzulegen. Das wird wohl bis einige Jahre nach dem Studium dauern, bis ich diesen Kredit abzahlen kann. Natürlich habe ich mich auch schon während des Lockdowns nach Jobs umgeschaut und schon verschiedenste Jobs gemacht. Während meines Sprachkurses habe ich eine Zeit lang bei der Bundeswehr geputzt – auch die Klos. Ich habe auf dem Bau Hilfsarbeiten gemacht oder bei Renovierungen Wände gestrichen. Gekellnert habe ich auch. Während Corona habe ich mich auch in der Landarbeit und als Erntehelfer beworben, aber es waren keine Plätze mehr frei. Deshalb bin Ich leider auf diesen KfW-Kredit angewiesen. Deshalb sehe ich die Zukunft leider nicht so positiv. Es wird wohl eine Zeit dauern, bis ich mich von dieser Krise erholen kann.

Danke für das Interview und ganz ganz viel Erfolg bei deinem weiteren Lebensweg!

Gerne!

Wir haben Mesut persönlich auf türkisch interviewt und anschließend übersetzt.