Schweigen tötet!

Black lives Matter – Geschichte des Rassismus

Seit dem Mord an George Floyd gehen viele Menschen wieder auf die Straße, um gegen Rassismus ein Zeichen zu setzen. Sie sind entsetzt. Sie sind wütend. Sie trauern.

Die Geschehnisse fühlen sich für die schwarze Bevölkerung in den USA und auch hier, wie ein immer wiederkehrender Albtraum an – wie ein oft erlebtes Déjà-Vu.

Es ist Zeit, dass wir uns die Frage stellen, was die Ursache für strukturellen Rassismus ist und warum es immer noch nicht gelöst wurde. Es gilt, wie so oft, die Systemfrage zu stellen und die auf Ausbeutung beruhenden Prinzipien unserer Gesellschaft in einen geschichtlichen Zusammenhang zu setzen. Die bestehenden Diskriminierungsmuster können wir nur aufheben, indem wir verstehen wie und vor allem weshalb sie funktionieren.

Frühkapitalismus und die Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents

Während der Kolonialzeit wurde der Begriff der „Rasse“ genutzt um Menschen zu kategorisieren und nach körperlichen Merkmalen einen Nutzen zu zuschreiben. Nicht-Weiße Menschen wurden absichtlich dehumanisiert. D.h. ihnen wurde ihr Mensch-Sein abgesprochen, sie wurden zu Objekten degradiert. Ihr Wohl spielte keine Rolle, ihre Arbeitskraft war für die Kolonialisten dafür umso wichtiger. Je dunkler die Hautfarbe und die Abweichung zur „weißen Norm“, desto weniger menschlich wurde eine Person angesehen. Erst durch diese Strategie konnte die Ausbeutung ganzer Kontinente gerechtfertigt werden. So wurden unzählige Menschen ermordet, ihrer Heimat beraubt oder als Sklaven ohne jegliche Menschenrechte ausgebeutet, um den Reichtum der Kolonialmächte zu vermehren.

Befreiung der Sklaven

Viele Jahrhunderte und Bürgerbewegungen später wurden Schwarze Menschen (zumindest in den USA) augenscheinlich zwar aus der Sklaverei befreit, aber das behob keinesfalls die ausbeuterischen Strukturen des bis dahin weltweit etablierten rassistischen Systems.

Betrachten wir die USA, so brachte die Befreiung aus der Sklaverei keine grundlegende Verbesserung der wirtschaftlichen Situation mit sich, da sich am Besitz der Produktionsmittel nichts änderte. Sie gehörten weiterhin reichen, weißen Menschen. Und so blieb der Schwarzen Bevölkerung nichts Anderes übrig, als die eigene Arbeitskraft für einen unmenschlichen Lohn an reiche, weiße Menschen zu verkaufen. Eine neue, überwiegend Schwarze Arbeiter*innenklasse entstand. Die vermeintliche Freiheit entpuppte sich als ein Gefängnis struktureller Gewalt und Unterdrückung, in dem unter dem Deckmantel der Demokratie und Menschenrechte die Ausbeutung aufrechterhalten blieb.

Struktureller Rassismus heute

Trotz Verbesserung der ökonomischen Lage einzelner Schwarzer Menschen und dem lang erkämpften Erhalt grundlegender Bürgerrechte beispielsweise in den Vereinigten Staaten, sind Schwarze Menschen in den meisten Gesellschaften der Welt weit von Gleichstellung entfernt.

Struktureller Rassismus besteht auch heute noch. Weltweit. Die jeweiligen Lebensrealitäten und Ausprägungen rassistischer Erfahrungen Schwarzer Menschen variieren natürlich, je nachdem welche Gesellschaft man betrachtet. Trotzdem ist es beschreibend, dass Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft immer noch von weißen Menschen (lies: Männern) besetzt sind und Schwarze Menschen weiterhin systematisch ausgegrenzt werden.

Schwarze Menschen sind durch die im Rassismus begründeten Stereotype, ähnlich wie andere marginalisierte Gruppen, immer noch rassistischen Gewalttaten – auch durch Sicherheitsorgane des Staates – ausgesetzt. Besagte Stereotype sind auch dafür verantwortlich, dass sich die Suche auf dem Job- oder Wohnungsmarkt für Schwarze Menschen schwieriger gestaltet.

All das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass Schwarze Menschen hierzulande oft nicht einmal von ihren Mitmenschen als Deutsche anerkannt werden. Die Frage „Woher kommst du denn wirklich?“ klingt harmlos, verweist aber auf ein bekanntes Trauma vieler Afro-Deutscher Personen.

Der entgegengebrachte Rassismus ist grauenvoll, doch wenig verwunderlich, wenn man sich unser gesellschaftliches Erbe vor Augen hält.

Damals wie heute braucht ein System, das auf Ausbeutung aufbaut Auszubeutende. Es war immer Teil der herrschenden Politik die Schwachen gegen die Schwächsten auszuspielen. Menschen mit Migrationshintergrund werden genutzt um auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt einen Konkurrenzkampf zu befeuern, welcher so nicht sein müsste.

Das System reproduziert die Mechanismen der Entmenschlichung zur Rechtfertigung und lehrt letzten Endes weißen Menschen dadurch ihre „Überlegenheit“.

Rassismus passiert unbewusst?

Rassismus ist systembedingt und spiegelt sich in allen Strukturen unserer Gesellschaft wieder. Wir werden alle rassistisch sozialisiert. Oft ganz unbewusst, ohne dass wir das möchten. Dadurch sind vielen weißen Menschen auch ihre (Klassen-)Privilegien und -Vorteile, die sie von der kolonialen Ausbeutung ihrer Vorfahren geerbt haben, nicht einmal bewusst. Dieses Unbewusstsein führt dazu, dass es zu keiner Auseinandersetzung mit Rassismus kommt. Aus Sicht weißer Menschen gilt: Wenn es kein Problem gibt, kann man es auch nicht lösen.

Doch genau diese Einstellung führt dazu, dass die rassistischen Strukturen über Generationen und Gesellschaften hinweg erhalten bleiben und sich der Alltag für betroffene Menschen kaum ändert.

Dieses System der Unterdrückung und Ausbeutung in dem wir Alle leben wurde durch weiße Kolonialmächte und eine weiter vorherrschende eurozentrische Sicht erschaffen. Die unzähligen Folgen der Politik der herrschenden Klasse sind unter anderem Ungleichheit, struktureller Rassismus, und Polizeigewalt gegenüber nicht-weißen Menschen.

Rassismus kann somit nur systemisch bekämpft werden. Und das ist keinesfalls nur der Kampf Schwarzer Personen allein. Überall auf der Welt werden durch das vorherrschende System Menschen jeder Ethnie und Hautfarbe ausgebeutet. Der Rassismus, so wie auch der Sexismus, werden als Struktur dazu genutzt, den Kampf um gemeinsame Interessen zu spalten und die potentielle Kraft für Veränderung hinzu einer gerechteren Welt für alle zu mindern. Die Grenzen liegen nicht zwischen innen und außen, Schwarz oder weiß, sondern zwischen unten und oben.

Der Kampf gegen Rassismus ist ein gemeinsamer Kampf. Ein Kampf der unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Identität auf allen Ebenen der Gesellschaft geführt werden muss. Bis zum heutigen Tag wurde jedoch leider genau dieser Kampf in der breiten Bevölkerung als ein Kampf der Betroffenen gesehen. Ein Kampf, der die Mehrheitsgesellschaft nichts angeht, weil er sie nicht betrifft.

Um die Ungleichheit in Form von Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass aufzulösen und rassistische Gewalt, auch durch staatliche Behörden, zu bekämpfen brauchen wir einen Systemwechsel. Deshalb ist es gerade heute umso wichtiger, dass die weiße Mehrheitsbevölkerung sich proaktiv dem Kampf, den Betroffene seit jeher führen, anschließt. Wir sollten aufhören unsere Unterschiede hervorzuheben und stattdessen unsere Gemeinsamkeiten betonen. Die Interessen der Schwarzen und weißen Arbeiter*innen beispielsweise liegen sehr nahe, sind oft sogar dieselben. Deswegen benötigen wir dringend die gegenseitige Solidarität.

Denn erst wenn die Herrschaft des Kapitals beendet ist, werden sich die vermeidbaren Unterschiede zwischen Schwarz und weiß auflösen. Wenn sich die Besitzverhältnisse ändern und die Ausbeutung der Arbeiter*innen beendet ist werden wir soziale Gerechtigkeit erfahren.

Anmerkung der Redaktion:

Wurde der Text von einer weißen oder einer Schwarzen Person geschrieben? Würde das ein oder das andere ihn glaubwürdiger machen? Ist es gut, wenn dieser Text sich „weiß“ liest? Oder soll ich doch lieber mehr der „black experience“ reinpacken, für Authentizität so?

Beide Autoren dieses Textes sind von Rassismus betroffene Menschen! WARUM??

Ich zumindest bin es leid die einzige Expertin zu diesem Thema zu sein. Rassismus ist ein weißes Problem. Fangt an euch damit auseinanderzusetzen. Ich bin so müde.

Dieser Text wurde von Jonas (27) und Jamila(25) verfasst, beide sind Studenten.

Dieser Beitrag ist die Meinung von zwei Linksjugend-Mitgliedern. In diesem Blog soll regelmäßig von Mitgliedern zu aktuellen Themen Stellung bezogen werden.